ATLAB

14. Januar – 25. Februar 2017
Vernissage: Samstag, 14. Januar 2017 von 18.00 bis 21.00
Laurent Lamarche : ATLAB

Blick von der kleinen in die große Welt. Laurent Lamarche
Text von Heidi Stecker

Laurent Lamarche entwirft komplexe visuelle Phänomene. Mit Laser, digitaler Fotografie und Kunststoffen setzt er auf moderne Verfahren. Er arbeitet mit künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden, inszeniert Schönheit und Geheimnis, verkehrt Größenverhältnisse. Einige Werkgruppen wirken wie Laborsituationen, physikalische und medizinische Experimente oder astronomische Untersuchungen. Die Objekte sind jedoch nicht eindeutig. Sie erscheinen uns vertraut. Aber wir wissen nicht, worum es sich im Einzelnen handelt, zumal sie sich mit Begriffen aus der Forschung tarnen.

Lamarche operiert bei seinen Projektionen und Tableaus mit dem Reiz von Oberflächen. So spielt „Mycoplasma“ an Mykoplasmen an, Bakterien ohne Zellwand. Ihre ästhetische Anmutung kehrt sich leicht in Distanz, gar in Abstoßung um, verursachen diese Geschöpfe doch Krankheiten bei Pflanzen, Tieren und Menschen. Sie sind gleichwohl sanfte Parasiten und töten ihre Wirte nicht. Das Wohlgefallen am Faszinosum wird durch das Unheimliche ergänzt. Lamarches Arbeiten erinnern an Blicke durch ein Mikroskop auf Objektträger. Hybride Organismen, die dem menschlichen Auge normalerweise verborgen bleiben, wimmeln auf kreisrunden Ausschnitten, ähneln grünlichen Algen oder Kopfwesen. Manche Bilder sehen wie Häute von Milben und Amöben oder wie Schalen von Krustentieren aus. Merkwürdige Mikroorganismen haben Fühler, Beine und wundersame Ausstülpungen. Abstruse Gestalten rudern mit Schwänzchen. Pantoffel-, Geißel-, Glocken-, Sonnen-, Strahlen-, Heu-, Rädertierchen schwimmen vor unseren Augen umher. Lebende Bläschen wuseln in Petrischalen. Allerdings diese Aufnahmen könnten auch Landschaften, Mondkrater und Kometenbrocken zeigen. Die organischen Formen bleiben in einem Schwebezustand. Bei näherer Sicht lösen sich manche Elemente in Mechanik, zum Beispiel in winzige Zahnräder auf. Nichts ist gewiss, das Biologische kann auch Technik sein.

Oder man steht wie bei „Diffraction“ mitten in der Kunst. Der Ort, getränkt in Licht und Farbe, beginnt zu schwingen. Gespinste leuchten; wie zarte Spinnweben spannen sich dynamisch rote Fäden durch einen Raum. Diffraktion, Beugung, bedeutet, dass ein Hindernis Lichtwellen dorthin ablenkt, wo sie sonst nicht direkt hinkommen. Bei Lamarche wird Licht zum künstlerischen Werkstoff. Es umspielt transparente Kunststoffe. Die Grenzen von Realität und Fiktion verschwimmen. Welches Potenzial haben Materialien? Wie damit umgehen? Wie verändern sie unsere Wahrnehmung? Welche Folgen ergeben sich für die Umwelt?

Technologien ermöglichen es, Gedanken in sichtbare Optionen umzusetzen. Indes was Natur ist, ist nur schwer erkennbar. Was ist objektiv, was ist Imagination? Okulare, Linsen, Teleskope deuten auf unsere Manipulierbarkeit hin. Wahrhaftigkeit und Erkenntnis werden fragwürdig. Ist die Wirklichkeit tatsächlich so, wie wir sie durch Hilfsmittel wahrnehmen?

Lamarches Medienkombinationen entwickeln Science-Fiction-Szenarien, die in einem attraktiven Rahmen Innovation vorführen, aber auch moralische Fragen aufwerfen. Ist, was machbar ist und noch dazu fein aussieht, auch gut? Seine Bilder verbinden Altes und Neues, sie führen indessen auch in die Irre, denn wir wissen letztendlich nicht, was sich uns tatsächlich darbietet. Lebendiges und damit auch Verwundbares trifft auf Künstlichkeit. Die Anmutung des Fortschritts wird mit Rätseln konfrontiert.

Ferne Wahrscheinlichkeiten
Über die Arbeiten von Laurent Lamarche
Text von Marcel Raabe

Mit wissenschaftlichen Bildgebungsverfahren wird nicht nur materiell Existierendes mittels technischer Apparate vergrößert oder verkleinert – etwa bei der Betrachtung von Mikroorganismen unter einem Lichtmikroskop. Bei der Visualisierung von Strahlungen, von Statistiken und abstrakten Messdaten, Hirnaktivitäten oder anderen Datenströmen bedarf es künstlerischer Darstellungsstrategien, um Unsichtbares sichtbar zu machen: Dinge oder Vorgänge, die physikalisch kein Aussehen haben.

In dieser Zone zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und deren modellhafter Projektion wird vermeintliche Objektivität historisch. Sie bleibt eingebettet in zeitgenössische Vorstellungsweisen, Sinngebungsprozeduren und Weltbilder. Es ist die Zone der Spekulationen und Möglichkeiten. Und es ist die Zone, in der sich die Fotografien, Installationen und Skulpturen Laurent Lamarches bewegen. „Viele meiner Arbeiten sind inspiriert von Nanotechnologie, Biomechanik und hochtechnologischen Wissenschaftsverfahren“, sagt Lamarche. „Bei Embryon ging es beispielsweise darum, neue Spezies zu erschaffen, die im photografischen Prozess den Eindruck erwecken, dass sie heranwachsen.“ Lamarche experimentiert in jeder seiner Serien mit visuellen Versuchsaufbauten. Die Methoden können sich überschneiden und ergänzen, multiplizieren und bestätigen. Beschäftigt er sich in „Mycoplasma“ und „C3H6“ mit den Mikroskopimages von pseudo-biologischen Zellkulturen und synthetischen Materiallandschaften, stellen „Translucida Organide“ grazil anmutende Gewebe aus Plastik dar. In „Plastifiction“ lassen Overhead-Projektoren kleine Plastikskulpturen als technische Insekten erscheinen. In „Embryon“ sind in den Petrischalen der Labors Föten hybrider Maschinenlebewesen zu erkennen.

„Meistens verwende ich Plastik und transparentes recyceltes Material“, sagt Laurent Lamarche über seine Arbeitsweise. „Mit einem digitalen Scanner kann ich hochauflösende Scans von kleinsten Objekten anfertigen. Die Bilder fließen in eine Datenbank. Mit ihr spiele ich und baue wie ein Bildhauer die Motive digital zusammen. Das fertige Stück ist ein mit Plexiglas überzogener Digitaldruck.“ Lamarches fiktive Kreaturen nehmen die Form von Unterwassertieren, Mikroorganismen oder Insekten an. Andere Arbeiten verharren in der abstrakten Struktur des Materials, freigelegt mittels außergewöhnlicher Lichteffekte. In seinen Installationen unter dem Titel „Diffraction“ treffen Laserstrahlen auf Gebilde aus Kunststoff und Harz, die das Licht brechen und auf die umliegenden Wände projizieren. Zufallsgeleitete Modifikationen repräsentieren den sezierenden Forscherblick. Die Titel der einzelnen Serien verweisen in die Welt der Wissenschaftssprache und markieren als Leseanweisungen das mythologische Moment – das gewissermaßen Religiöse, wenn nicht Okkulte –, das in wissenschaftlichen Diskursen liegt. „Ich mag Science Fiction, es ist eine gute Möglichkeit, alternative Vorstellungen der Zukunft und unserer Realität zu analysieren – die Art und Weise, wie wir uns selbst und unsere Umwelt verändern und wahrnehmen.“

Ähnlich wie mikroskopische Vergrößerungen von Insekten oder seltsame Tiefseeorganismen Befremden hervorrufen, lösen in Lamarches Motiven technische Komponenten Befremden aus. Die Mikroskop- und Petrischalenperspektiven sind vertraut aus Schule, Universität und populärwissenschaftlichen Publikationen. In diesem Darstellungskontext sind die hybriden Maschinenentwürfe Verheißungen des Lebens: eine aus Wissenschaftsdarstellungen antrainierte Erwartung, dass die Kreaturen ihren Petrischalen entwachsen. Die Phantasiegebilde werden von den technischen Visualisierungswerkzeugen der Labors geschaffen; bei Lamarche sind sie vom statistischen Korsett realer Daten befreit. Es handelt sich nicht um technische Lösungen für definierbare Probleme. Das Visionäre dieser Illusionswesen liegt in ihrer Inszenierung, die in ihrer Künstlichkeit eine paradoxe Authentizität verströmt. Sie speist sich aus der Ästhetik wissenschaftlicher Abbildungskonventionen, die den Anspruch einer erforschten und dokumentierbaren Wahrheit erheben.

Weil aber Lamarches Bilder phantasierte sind, stellt er – allein mit ästhetischen Mitteln – diesen Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Forschung infrage. Die Arbeiten verbildlichen den Verlust von Verbindlichkeiten. Gleichzeitig aber heben sie das Visionäre und die Chancen hervor, die in dieser Vielfalt liegen. Die Schönheit des Künstlichen ist immer auch Spaß an der Schöpfung, das Feiern von Möglichkeiten, des Ursinns, der im Begriff des „Gestaltens“ liegt – im künstlerischen wie im (wissenschafts-) politischen Sinne ein aktivistisches Moment. „Ich habe keine kritische Perspektive auf Wissenschaft allgemein“, sagt Lamarche. „Es gibt wie überall gute und schlechte Seiten. Es ist auch keine Hommage an die moderne Wissenschaft. Im Vergleich zu ihr verwende ich sehr einfache Mittel. Vielleicht ist es eine Hommage an die Kreativität selbst, die mir die moderne Wissenschaft erlaubt.“

Laurent Lamarche studierte Bildende Kunst in Montréal. Im Januar 2017 werden seine Arbeiten in der Galerie Art Mûr in Leipzig zu sehen sein.