Capture

19. November: 17. Dezember 2016
Karine Payette : Capture
Art Mûr Leipzig
Spinnereistraße 7, Halle 4b
Leipzig (DE)

Jenseits der Grenze zwischen Mensch und Tier, wenn Spezies sich begegnen
Text von Marie-Eve Levasseur

Hände wie Krallen, Hände die greifen und fassen. So wie ein Fangversuch, der zum Imitationsspiel wird. Die multiplizierte Gestik ähnelt verschiedenen Momenten einer fotografischen Serie, einer Art Choreografie des Fangens. Die menschlichen Körperteile posieren offensiv wie ein Wildtier, aber auch spielerisch, imitierend, Tier werdend. Doch wie in einer Fotografie sind die Teile unvollständig, wie der Ausschnitt eines imaginären Rahmens. Die gewählten Displays aus Holz und Metall erinnern gleichermaßen an ein Naturkundemuseum oder eine Wunderkammer. Auch Bilder an der Wand zeigen Körperteile, die liebevoll umarmen oder stützen. Und auch hier sind die menschlichen Körper immer unvollständig, geschnitten, nur als Fragmente und nie als Ganzes zu sehen. Unterschiedliche organische Oberflächen treffen aufeinander und mischen sich. Haut trifft auf Fell, Schuppen oder Federn. Und es atmet. Unheimlich. Eine ränkevolle und oft zwitterhafte Fusion zwischen Tieren und Menschen.

In der Ausstellung Capture besteht zwischen Beute und Räuber nur mehr eine poröse Grenze, eine Kontaktzone, die die Rollen verschwimmen lässt. Wild- oder Haustier, Jäger, Meister, Gefährte oder Freund, die Machtverhältnisse bleiben unklar. Karine Payette erschafft hier eine mehrdeutige Situation, in der Haustiere nicht nur als Begleiter des Menschen auftauchen, und wo der Mensch nicht mehr unbedingt im Mittelpunkt des Handelns steht. In einem Konstruktionsprozess wird der Andersheit eigensinnig begegnet. Die Künstlerin zeigt uns das Zusammenleben unterschiedlicher Spezies in unklaren Verhältnissen, von der Feindlichkeit bis hin zur Verschmelzung.

Es ist nicht immer selbstverständlich, dass das Menschliche mit dem Nicht-Menschlichen bedeutend mehr gemeinsam hat, als man denkt, dass es sich nur geringfügig von diesem unterscheidet. Die besondere Verbindung zum Haustier, wo gemeinsam gegessen, geschlafen, gefühlt und gelebt wird, kann zur lehrreichen Beziehung werden. Immer schon bewegten ‚wir‘ uns in einer dichten Welt zwischen dem Menschlichen und Nicht-Menschlichen. Vergisst man konstruierte Hierarchien, wird eine eindeutige und gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Tier deutlich. Könnten uns die Tiere eine Fähigkeit lehren, die wir zu einer neuen „Menschlichkeit“ brauchten?

Karine Payette zeigt uns in ihrer Ausstellung eine fiktive Choreografie des Tier-Werdens, wo man sich im Übergang befindet – nicht ein Tier zu werden, sondern das allzu Menschliche zu überwinden wie Deleuze und Guattari in Tausend Plateaus schildern.1 Es gehe hier nicht darum, Tier sein zu sollen, sondern sich anzunähern, die eigene Wahrnehmung zu verändern und neue Möglichkeiten der sozialen Interaktion zu schaffen. Ronald Bogue beschrieb es als Prozess des Anders-Werdens, des Überwindens binärer Polaritäten und dem Verwischen allzu gesetzter Kategorien.2 Und gleichermaßen erinnert uns die Biologin Donna Haraway daran, dass das Werden nie isoliert ist, sondern eben immer zwischenartlich und gemeinsam in einem geteilten Kontext passiert.3

Die Arbeiten Karine Payettes laden zu einem Neudenken der Machtverhältnisse und Beziehungen ein. Sie richtet unseren Blick auf die Begegnungen zwischen Menschen und Tieren, und schafft eine unangenehme Vertrautheit. Auf die Natur, die sich nie vollständig kulturalisieren lässt. Auf die Kultur, die in ihrem beständigen Zugriff auf die Natur doch immer von dieser durchdrungen bleibt und bestimmt wird. Andersheit und daraus resultierende Fragilitäten und Verletzbarkeiten werden sichtbar. Ein immerwährendes Kontinuum gegenseitiger Verflechtung und Verschmelzung.

Karine Payette wurde 1983 geboren. Sie ist eine multidisziplinäre Künstlerin, deren Schaffen in Installationen, Fotografie und Video zum Ausdruck kommt. Spannungsfelder und Ambivalenz bilden den Kern ihrer Werke. Diese Zwischenräume erscheinen in der Form von natürlichen Szenerien, in denen hyperrealistische, zumeist dem Alltag entstammende Subjekte und Objekte aufeinander einwirken. Sie besitzt einen Master in Bildender Kunst und Medienkunst der Université du Québec à Montréal. Payette hat an Einzelausstellungen teilgenommen, insbesondere in der Galerie de l’UQAM (Montreal), in Le lieu, Centre en art actuel (Quebec) und im Maison de la culture du Plateau Mont-Royal (Montreal). Sie hat ebenfalls bei Gruppenausstellungen bei dem Symposium international d’art contemporain de Baie‐Saint‐Paul (Internationales Symposium für moderne Kunst Baie Saint-Paul), im Musée d’art contemporain de Montréal (Montreal) und in Frankreich ausgestellt. Alle ihre Werke zeugen sie von ihrer Faszination mit dem Lebendigen und der Darstellung des Körpers sowie von ihrem Interesse für den Begriff der Identität und der Verschiedenheit. Karine Payette lebt und arbeitet in Montreal.

1. Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Merve Verlag, Berlin, 1992
2. Ronald Bogue, in Deleuze Dictionary Revised Edition, ed. by Adrian Paar, Edinburgh University Press, 2010
3. Donna Haraway, Das Manifest für Gefährten. Wenn Spezies sich begegnen. Merve Verlag, Berlin, 2016