Disobedient Virtues

10. September – 8. Oktober 2016
Cal Lane: Disobedient Virtues
Art Mûr Leipzig
Spinnereistraße 7 (4b)
Leipzig, Deutschland

„Die Tugenden des Ungehorsams“
Text von Tina Simon

Am Anfang des Arbeitsprozesses von Cal Lane steht eine martialische Ansammlung kunstferner Objekte: Schaufeln und Schubkarren, Behälter für giftige und explosive Stoffe, Stahlträger, Öltanks, Abwasserrohre, Karosserie- und Fahrzeugteile, Halfpipes und Baucontainer – Metallkörper, die den Status Quo der Stahlindustrie feiern.

Am Ende, als Kunstobjekte präsentiert, sind es aparte Gebilde, die kaum mehr den Kontext der Schwerindustrie zulassen. Cal Lane öffnet die Stahlbleche, lüftet sie gleichsam durch Einschnitte und wandelt sie zu transparenten, grazilen Gebilden, licht wie pflanzliches Gewebe, zart wie Papier, fein wie textile Gespinste, in denen die Ursprungsobjekte erkennbar bleiben. Auf deren Oberfläche überträgt sie auf Schablonen entworfene Designs und schneidet sie mit Plasmaschneider oder Sauerstoff-Acetylen-Brenner in das Blech.

Im Kern ist das weder klassisches Recycling noch das Neuschaffen oder Umwidmen der Objekte. Die Readymades unterziehen sich einem Image-Wandel; die industrielle Aura der Stofflichkeit des Metalls wird überführt in die bizarre Wirkung originellen Zierrats. Cal Lane versteht diesen Wesenswandel auch als Wechsel von der maskulinen Projektion zum femininen Ausdruck.

Die Stahlskulpturen von Cal Lane sind wenig genretypisch. Als Skulpturen entstehen die Arbeiten allein durch das Abtragen von Material. Sägen, Fräsen, Schneiden, Schleifen – sculpere im besten Wortsinn. Es gibt hier keine Fügeverfahren, wie sie traditionell bei geschweißten Stahlobjekten, etwa bei David Smith oder Berto Lardera, angewendet werden. Auch von der tendenziellen Abstraktion der Stahlskulptur im 20. Jahrhundert, man denkt zuerst an Carl Andre, Eduardo Chillida oder Richard Serra, unterscheiden sich ihre Werke – sie bleiben doppelt konkret; im Ausweisen ihrer gegenständlichen Abstammung und über die Konnotation der narrativen Bildsprache des Dekors. Thematisch aufgeladen sind die Objekte über die konkreten Elemente der eingeschnittenen Muster. Die ornamentalen, funktionalen wie dinglichen Details in ihrer Verbindung zum Trägerobjekt evozieren eigenwillige Interpretationen und befremdliche Stimmungen – von ironisch bis politisch – und können zugleich anziehend und abstoßend sein.

Cal Lane verfügt über ein virtuoses Arsenal bildsprachlicher Elemente: mythische Misch- und Zauberwesen, geografische und erotische Darstellungen, Elemente der ägyptische Ikonographie und Anspielungen auf slawische Folklore. Auch weniger poetische Segmente wie Warn- und Gefahrenzeichen lassen sich finden, religiöse, Phantasie- und Kultwesen, wie sie für Tätowierungen typisch sind, kleine Kampfszenen und Waffenabbildungen. Arrangiert sind die Details zu komplexen Bildern, die entweder hoch artifiziell eine komplizierte Oberfläche symmetrisch umspannen oder episodisch linear erzählen.

Historisch ebenso weit reichend wie das Ornament-Inventar ist die Ausschneide-Technik der durchbrochenen Fläche. In der Inszenierung ihrer Objekte im Licht referiert Cal Lane die asiatische Kunstfertigkeit von Scherenschnitt und Schattenspiel. In den großen Containerobjekten findet sich der traditionelle Jaali wieder, ein nach geometrischen Mustern geöffnetes, kunstvolles Wandelement aus der indischen und arabischen Architektur. Auch Laubsägearbeit und Papierfalttechnik sind einbezogen.

Wirkungsvoll ist die Übertragung von Gestaltungselementen konkreter mittelalterlicher Tapicerien auf die Metallkörper und die Umwandlung von großflächigen Tapetenmustern und architektonischen Details. Der locker gewebte historische Schleier, der gleichzeitig verhüllt und Durchblick gewährt, vor allem aber als Schmuckwerk gilt, überträgt diverse Formen der Spitzenstickerei in die Werke.

Die Verbindung der Gegensätzlichkeit – oder bildlich: ‚das Spitzendeckchen aus Stahl’ – ist für Cal Lane zentrale Metapher ihrer Arbeit. In dieser Formel sammeln sich die vielfältigen intrinsischen Oppositionen ihres Werkes, die sich auf Material, Arbeitsweise und die Wahrnehmung des Erscheinungsbildes beziehen.
Die mitgedachte Polyvalenz ermöglicht eben auch einen formalen oder rein sinnlichen Zugang zu den Objekten und fordert dazu heraus, das Ding an sich zu sehen, singulär und kontextfrei. Hier setzt dieses besondere Werk an. Aus den Konventionen geschält entfaltet die Form ein assoziatives Eigenleben, in dem gelassen auch Antonyme gelten können. Spatenköpfe werden zu venezianischen Masken mit Blumendekor, das Profil eines Autoreifens erinnert an kunstvoll geflochtenes schwarzes Haar und Spitzenwäsche an Keuschheitsgürtel. Die Tugenden des Ungehorsams.