Didactique du Déjà-Vu

17. Juni: 12. August 2017
Vernissage: 17. Juni von 18:00 bis 21:00 Uhr
Patrick Bérubé: Didactique du Déjà-Vu
Art Mûr Leipzig
Spinnereistraße 7, Halle 4b
Leipzig (DE)

Text von Marie-Eve Levasseur

Die Zeit ist ein Kontinuum. Sie ist ein Zyklus, ein System von Relationen. Aus Zeit wird Geschichte; eine Sammlung von Intensitäten und deren Zeiträume. Von Naturkatastrophen zu politischen Misserfolgen, Geschichte wird kontinuierlich und subjektiv in Bildern und Texten geschrieben. Die Zeit verstreicht, und alles wiederholt sich, alles dreht sich im Kreis. Aber was speichern wir wirklich in unserem kollektiven Gedächtnis einer hyperinformatisierten Welt? Und was lernen wir davon?

Mit seiner Ausstellung Didactique du Déjà-vu kommentiert der kanadische Künstler Patrick Bérubé chaotisch, ironisch und humorvoll eine langsame Beobachtung verschiedener Phänomene und Muster, die mit dem Versagen der Kommunikation miteinander und zwischen Generationen zu tun haben. Er beschäftigt sich mit Geschichte und dem daraus entstehenden kollektiven Gedächtnis. Beim Betrachten seiner National-Geographic-Sammlung bemerkte der Künstler, dass die Menschheit sich über die Jahrzehnte hinweg mit den immer gleichen Problematiken auseinandersetzt. Wir drehen uns im Kreis und folgen einem Muster. Wie Moleküle verbleiben wir in einer sich wiederholenden Kreisbewegung von Anziehungen, Kombinationen, Kollaborationen und Trennungen. Die Geschichte wiederholt sich als wäre Evolution nicht mehr als eine Illusion. Ob wirklich ein klügeres Miteinanderleben daraus entsteht?

Zu Wiederholungen und Kreisen gehören allerdings auch Brüche. Diese befinden sich aber auch mit bestimmten Abstände in der Menschheitsgeschichte wie auch in Bérubés Ausstellung. Bérubé schöpft aus der Barockepoche alte Radierungen, die Naturkatastrophen abbilden als Bruchstellen in der Geschichte. Er überlagert diese mit einer Farbsequenz, die eigentlich bei Fernsehunterbrechungen im Falle von Signalverlust auftritt. Noch eine Arbeit, die sich mit Signalverlust beschäftigt ist Not loaded; sie zeigt ein Mondrian ähnliches Muster, das Google Image erzeugt, wenn die Verbindung fehlschlägt. Kollektives Gedächtnis wird immer für eine begrenzte Zahl an Generationen mit Details erhalten, es wird immer runder, es kommt immer noch eine Schicht Gegenwart drüber, bis es zu nur einem Satz, einem Bild, einem Kern wird. Wie ein Bonbon mit Schichtstufen verschiedener Geschmäcker der Zeit. Auch die versteinerte Brieftaube verweist auf den Moment, wo das Geschichteschreiben scheitert, wenn die Nachricht nicht immer das nächste Zeitalter erreicht.

Patrick Bérubé arbeitet in situ und arrangiert die verschiedenen gefundenen, gekauften oder modifizierten und miteinander neu kombinierten Objekte in einer vieldeutige und scheinbar gut geordnete Installation. Die verschiedenen Objekte bilden ein rizhomatisches System von Relationen ohne einschränkende zugeschriebene Lesart. Als Methode oder Richtlinie bedient sich der Künstler mathematischen oder natürlichen Sequenzen wie bei Fibonacci, musikalischen Variationen, Wiederaneignungen und sogar der Malerei von Mondrian. Auch lässt er sich driften zu chaotischen und zufälligen Zusammenfügungen. Der Betrachter ist dann frei dieses methodisch erlesene Chaos zu verbinden.

Von den Toile-de-Jouy, dem Turmbau zu Babel bis zur Muttergöttin Isis und Total Recall, Bérubé borgt sich Symbole aus verschiedenen Zeiten und arrangiert sie in seiner Installation neu. Der Schleier einer mutierten Isis wird zur Gardine, das Geklapper eines Storches wird vom Radio übertragen, alltägliche Materialien wie mit Melaminharz furnierte Spanplatten werden zu Displays, und begleiten 3D gedruckte Anamorphosen, die Stilllebenmuster wieder aufgreifen. Hier dienen Anamorphosen als Referenz des materialen Dehnungsphänomens in schwarzen Löchern. Manchmal einfache Symbole des Ursprungs, der Macht, der Reproduktion, des Todes und von Zyklus, die auf den ersten Blick oberflächlich wirken, werden zu komplex verbundenen Bedeutungssystemen arrangiert, die die gesamte Installation noch vielschichtiger machen.

Bérubés Arbeiten sind eine Einladung zum Delirieren, eine Art verrückter Vorschlag zur Flucht ins schwarze Loch, zur freiwilligen Verzerrung der Realität, zur Dehnung der Zeit, zu Kontrollverlust, zu Unterbrechung der Wiederholung und endlich zur Befreiung des Festgeschriebenen.