Code Switching

22. April-27. Mai 2017
Vernissage: 22. April von 18:00 bis 21:00 Uhr
Nadia Myre: Code Switching
Art Mûr Leipzig
Spinnereistraße 7, Halle 4b
Leipzig (DE)

Von Perlen, Pfeifen und Narben. Über die Arbeit von Nadia Myre
Heidi Stecker

Nadia Myre arbeitet mit Objekten, Zeichnungen, Skulpturen; mal sind es kleine und intime, mal raumgreifende Installationen. Dabei greift Myre mit Sticken und Nähen immer wieder Techniken auf, die lange Zeit dem Kunsthandwerk oder der Ethnologie zugeordnet wurden und als weibliche Tätigkeiten galten. Sie auszuüben materialisiert Dauer, die Ergebnisse symbolisieren mithin Zeit. Bestickte Kleidung markiert emblematisch Zugehörigkeit und Status. Myre verwendet dabei oft Stickperlen. Deren Schönheit birgt Sehnsucht und Melancholie; sie verweisen jedoch auch auf Myres Hintergrund als Mitglied der kanadischen First Nations. Sie verbindet Industriegesellschaft mit Tradition, ornamentalen Charme mit Ethos und spielt damit mit Erwartungen an Ethnizität.

Überall an der nordamerikanischen Atlantik-Küste kann man Reste von kleinen weißen Tonpfeifen finden. Sie wurden vom 17. bis ins 19. Jahrhundert massenhaft in Manufakturen in Großbritannien, Frankreich und auch in Kanada produziert. Der Tabak in den Pfeifen kam aus Amerika. Eine europäischen Tabak- und Rauchkultur entwickelte sich, allerdings auf der Basis eines kolonialen Aktes und als – lange Zeit – weitgehend männliches Phänomen. Auf diese Weise verweist eine einfache Pfeife auf den Kolonialismus: Ökonomische Ressourcen und Kulturtechniken der First Nations werden angeeignet, ebenso Kulturpflanzen wie Tabak, Rohrzucker, Kaffee, Mais, Kartoffeln, ihre Verarbeitung, Praktiken des Konsums und des Genusses, um sie dann industriell zu produzieren und zu vermarkten. Die fragilen und billigen Tonpfeifen überschwemmten die Welt. Nadia Myre fand viele solcher Pfeifen in London in der Provinz Ontario am Fluss Thames. Der schwankende Wasserspiegel spült immer wieder solche Rudimente früheren Lebens zu Tage wie ausgebleichte Knochen von urzeitlichen Tieren. Angehörige der Anishinabe und der Mohawks eigneten sich solche Pfeifenrelikte wieder an und nutzen sie für ihren traditionellen Schmuck. Die Pfeifenstücke werden wie Perlen aufgestickt.

Myres Werkgruppe erzählt also von Akkulturation im Rahmen einer Kolonisation und einer Wiederaneignung durch die First Nations. Wie Fundstücke von Ausgrabungen und wie Applikationen auf Schuhen, Gürtel und Taschen werden sie von Myre arrangiert. Fragmentarisch, angeschlagen, verletzt und zugleich wie kostbare Funde und Preziosen werden sie präsentiert.
Eine Kreisform ist radial mit Perlen in verschiedenen Formen, Größen und Farben bestickt. Sie bilden eine fein strukturierte Oberfläche. Das Auslesen und Aufbringen der Perlen ähnelt einem kontemplativen Malvorgang. Die Fläche aus Blau-, Schwarz- und Grautönen erinnert an einen dunklen See, deren Wellen sich kreisförmig ausbreiten, wenn man einen Stein hineinwirft. Das Dunkle ist aber nicht nur Tod, Lücke, Abgrund. Das Meditative verweist auf Techniken der Versenkung und Konzentration, wie sie in verschiedenen Kulturen praktiziert werden.
Die Bildobjekte machen Privates und Verborgenes öffentlich. Das zeitaufwändige Sticken überführt dies in ein quasi magisches Ritual. Das Pathos der Geschichte konterkariert Myre durch eine verstörende Maßstabsverschiebung. Ihre Werke bleiben offen für politische Partizipation und Gespräche über Themen wie Verlust, Verwundung und Widerstand.

Die in Montreal geborene und den Algonkin angehörende Künstlerin Nadia Myre nutzt partizipative Prozesse als eine Strategie und eröffnet so Auseinandersetzungen mit Identität, Resilienz und Zugehörigkeitspolitik. Fädelnd und mit Perlen arbeitend übersetzte sie mit mehr als 230 Mitwirkenden in kollektiver Arbeit den mehr als 56 Seiten zählenden Indian Act (das kanadisches Gesetz von 1876, das die rechtliche Situation der Uhreinwohnern Kanadas bis heute regelt) in eine neue Form – weiß und rot aufgefädelte Perlen ersetzen hier Worte. Im Scar Project (2005-2013) nähten mehr als 1400 Menschen ihre emotionalen, physischen oder spirituellen Narben auf Leinwände. Nadia Myres interdisziplinäre Praktik ist inspiriert von Beteiligung und Einbindung sowie wiederkehrenden Themen wie Sehnsucht und Verlust, Identität und Sprache.

Zuletzt war sie Residenzkünstlerin am McCord-Museum, wo ihr Aufenthalt in der Ausstellung Gestures or Doing it Wrong? Refaire le chemin (2016) gipfelte. Weitere Auszeichnungen der jüngeren Vergangenheit waren die Verleihung des Sobey Kunstpreises 2014 sowie Aufträge für neue Arbeiten: Oraison/Orison (galerieOboro, Montreal, 2014), Formeset Paroles (Musée Dapper, Senegal, 2014) und Sakahàn (National Gallery of Canada, Ottawa, 2013).

Myres Werke wurden sowohl in der Teilnahme an internationalen Biennalen gezeigt (Shanghai 2014, Sydney 2012 und Montreal 2011), als auch in prominenten Gruppenausstellungen wie Water Diary (FRAC Haute-Normandie, Sotteville-lès-Rouen, FR), Changing Hands 3 (Museum of Art and Design, New York, NY), Pour unerépublique des rêves (CRAC Alsace – Centre Rhénand’ArtContemporain, Altkirch, FR), Time, Le temps du dessin (Ensemble Poirel, Nancy, France), Vantage Point (National Museum of American Indian National Mall, Washington, DC), It Is What It Is (National Gallery of Canada), and Femmes Artistes. L’éclatement des frontières 1965-2000 (Musée national des beaux-arts du Québec, QC).