Wellen

4. März – 15. April 2017
Vernissage: 14. März von 18:00 bis 21:00 Uhr
Karine Giboulo: Wellen
Art Mûr Leipzig
Spinnereistraße 7, Halle 4b
Leipzig (DE)

Text von Christiane Fiebig

Aus der Distanz, über einen Zaun hinweg, fällt der Blick auf eine Gruppe von kleinen, bunt bemalten Figuren. Es ist die lebendige und farbenfrohe Darstellung eines Zuges von mehr als hundert Menschen, die zu Fuß durch den Raum ziehen. Aus verschiedenen Richtungen kommend, haben sie ein gemeinsames Ziel, das nicht zu sehen, aber bei näherer Betrachtung des Geschehens zu erahnen ist. Doch während die einen an geschlossener Grenze aufgehalten werden, haben sich andere in kleinen Lagern zusammengefunden. Frauen liegen auf dem Boden gekauert und sind umgeben von ihren schlafenden Kindern. Allen sind die Strapazen einer langen Reise ins Gesicht geschrieben und das wenige Hab und Gut, das sie bei sich tragen, zeugt von der Entscheidung, ihr bisheriges Lebens hinter sich gelassen zu haben.

In raum- und zeitübergreifenden Dioramen und Einzelszenerien stellt die Kanadierin Karine Giboulo Menschen in den Mittelpunkt ihrer Kunst, die Unterdrückung in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Form erleben. Sie erzählt von gegenwärtigen und vergangenen politischen und gesellschaftlichen Schieflagen in unserer Welt, die durch gewaltvolles Handeln oder wirtschaftlichen Druck entstanden sind und sich festgeschrieben haben. Immer wieder spielen auch verschiedene Aspekte von Migration eine Rolle. Die großen Fluchtbewegungen der letzten Jahre nach Europa, vor allem ausgelöst durch den Bürgerkrieg in Syrien, sowie deren mediale Präsenz haben das Thema in den Fokus ihrer Arbeit gerückt.

Ihre Installation „Wellen“, eine Art In-Situ-Diorama, das den Ausstellungsraum zu einer Bühne macht, handelt von der Flucht als „Zeit zwischen der Entscheidung der Menschen, ihr Land zu verlassen und ihrem Ankommen in einer neuen Gesellschaft, diesem speziellen Moment des Wandels“.1 Denn zu fliehen bedeutet nicht nur den physischen Verlust des eigenen Zuhauses, sondern auch von vertrauten sozialen, emotionalen und kulturellen Räumen. Die eigene Position in der Welt muss neu bestimmt werden. Dies ist von besonderem Interesse für Karine Giboulo, die immer wieder die Frage danach stellt, wie Orte das Individuum und eine Gemeinschaft in ihrem Selbstverständnis prägen und Gewissheit über eigene und kollektive Identität schaffen.
Mit viel Aufmerksamkeit und Empathie widmet sich die Künstlerin den ProtagonistInnen ihrer Erzählungen. Wenn möglich, reist sie zu den Menschen, deren Geschichten sich später in ihren Arbeiten wiederfinden und nutzt vor Ort gefundenes Material für ihre Installationen. Die Figuren, die ihre dreidimensionalen Miniaturen bevölkern, werden von ihr einzeln aus Modelliermasse geformt, bemalt und die individuellen Charakterzüge herausgearbeitet. Dabei ist es ihr wichtig, Menschlichkeit und Einzigartigkeit in ihnen sichtbar zu machen und Verletzlichkeit zu zeigen.

Die besondere Kraft in den Arbeiten Giboulos entwickelt sich aus dieser Aufrichtigkeit und der kontrastierenden Verspieltheit ihrer Inszenierungen. Die Figuren sind kindlich gezeichnet und bunt, oft sind sie in einer fantasievollen Architektur arrangiert, die einen spannungsvollen, skulpturalen Charakter entfaltet. Fantasie, Farbigkeit, Naivität – Karine Giboulo hat Spaß am Einsatz dieser Elemente. Sie nutzt sie bewusst, um die BetrachterInnen visuell zu reizen und dann mit der Ernsthaftigkeit der Situation zu konfrontieren. Sie versteht sich dabei auch als Reporterin, die mit den Mitteln der Kunst von ihrer Wahrnehmung und ihren Erfahrungen in einer globalen Gemeinschaft erzählt, aber auch als Aktivistin, die dazu auffordert, sich selbst und das eigene Handeln in dieser zu hinterfragen.

1. Karine Giboulo in einem Interview mit der Autorin im November 2016.